Samstag, 20. Februar 2010

Gayromeo offline: Community im Ausnahmezustand!

Es war ein Freitagabend, das wusste Marcel K. noch. Das genaue Datum hat er allerdings aus seinem Gedächtnis gestrichen, zu schlimm sind die Erinnerungen. „Meine Welt brach um mich zusammen – und ich konnte nichts dagegen tun“, so Marcel, noch heute Tränen in den Augen. Verständlich: Denn an diesem denkwürdigen Freitagabend ging die Dating-Plattform Gayromeo.com für 72 Stunden offline.

Seelische Grausamkeit. Die genauen Hintergründe sind bis heute nicht bekannt. „Aufgrund eines Serverproblems müssen wir auf unbekannte Zeit offline gehen“ war der grausame Text, den Marcel auf seinem Bildschirm sah. Der junge Wiener erinnert sich: „Es war so absolut total ober-schlimm! Meine zuckersüße rosa Welt war bisher so supertoll, aber plötzlich war alles weg. Nicht mal atmen konnte ich mehr!“ Als besonders schrecklich beschreibt Marcel die Ungewissheit, wann die blauen Seiten wieder auftauchen würden. „Es war ja auch möglich, dass Gayromeo tatsächlich gestorben war – also so für immer, mein ich! Wir wussten es einfach nicht!“

Proteste.
Mit „Wir“ meint Marcel sich und all die anderen Millionen User, die im „schwulen Meldeamt“, wie Gayromeo auch genannt wird, ihre Existenz eingetragen haben. Suizidfälle in Deutschland und der Schweiz waren bekannt. Weltweit kam es zu organisierten Protestaktionen, man forderte politische Unterstützung. Hörsäle in Unis wurden besetzt, vor dem Parlament in Brüssel wurden verzweifelt Bilder der Mutti verbrannt und lautstark Parolen wie „Erstklassige Plattform statt letztklassiges Leben“ gerufen. Frisöre gingen in den Streik, mehrere Büros blieben geschlossen. „Ein Tag im Büro ohne Gayromeo ist ein verlorener Tag!“, so Stefan S., Vorstand der *GG* (Gayromeo-Gewerkschaft).

Politische Reaktionen. Besonders solidarisierend mit den schwulen Bürgern zeigte sich der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer. Er plädierte an alle Parteien: „Wir haben es hier mit einer ernst zu nehmenden Krise zu tun. Eine Staatsstütze ist zusammengebrochen. Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden.“ Passend greift Fischer auch gleich aktuelle Themen auf: Eine Verpartnerung zwischen Online-Freunden würde ihn „nicht stören“ und fügt weiter hinzu: „Bislang konnte man mir nicht überzeugend erklären, warum es über-durchschnittlich bestückte Männer nur im Netz gibt.“ Ein anderes Problem ortete Außenministerin Maria Fekter: Da sich nun plötzlich alle Schwulen auf der Straße wimmelten, statt zuhause vorm Computer zu hocken, sah sie die Gefahr einer unkontrollierbaren „Einwanderer-Überschwemmung“ und stellte klar: Bevor Gayromeo-ler in der richtigen Welt leben dürfen, müssten sie sich zuerst mal beweisen – und sich vor allem anpassen. „Sätze mit Wörtern wie ‚lol‘, ‚rofl‘ oder ‚BaB‘ sind unangebracht. Genauso wenig duldet es unser Land, wenn sich körperliche Daten ständig ändern!“, betont Fekter. Dann stehe einer Integration nichts mehr im Wege. Ansonsten müsse man eine Abschiebung auf andere Online-Plattformen ernsthaft in Erwägung ziehen. Denn, so die Ministerin: „Traurige Schwulen-Äuglein und gebrochene Handgelenke lassen mich unbeeindruckt.“

Gastronomischer Gewinn. Beeindruckt waren stattdessen die Szene-Lokale im ganzen Land – und zwar über ihre Einnahmen, die sich plötzlich verdoppelten. Denn kaum war das Serverproblem bekannt, füllten sich im Nu Bars, Cafes und Diskotheken. Der Andrang war noch nie so groß, gegenseitiges Mut-Machen brauchte man selten wie in diesen dunklen Stunden. Im „Why Not“ wurde kurzerhand der Eintrittspreis auf 12 Euro erhoben, was dem Besucheransturm aber keinen Abbruch tat. „Kurz nach Mitternacht durften wir keine Gäste mehr hineinlassen“, erinnert sich der Türsteher der Gay-Disco. „Die Tanzfläche war gerammelt voll – es war, als wollte man sich den Kummer von der Seele tanzen. Gleichzeit waren auch viele verängstigt, da man sich nun in Echtzeit unterhalten musste, anstatt einander Messages zu schicken.“

Verlorenes Sexdate. Nach 3 Tagen dann aber die Erlösung: Serverproblem behoben, Gayromeo war wieder online. „Das war wie Weihnachten, Geburtstag und Poppers gemeinsam“, lacht Marcel. Heute ist er wieder glücklich, auch wenn er neben dem seelischen Trauma auch einen praktischen Schaden davongetragen hat: „Gayromeo ging genau dann offline, als ich meinem Sexdate meine Telefonnummer schreiben wollte. Ich überlege, Gayromeo zu verklagen.“